Die Begriffe Spagyrik und Alchymie

oder:

Was ist Spagyrik?

Die wohl treffendste Erklärung für den Begriff "Alchymie" gibt Paracelsus mit: „Der rechte Umgang mit den Dingen der Natur“. Er bezeichnet den „Ackermann und den Rebenmann“ genauso als Alchymisten wie den, im idealen Sinne iatrochymischen Arzt oder Heilkundigen, sofern sie aus der lebendigen Natur lernen und auf sie veredelnd einwirken.

Meist sind Spagyrik und Alchymie direkt mit Heilkunst verbunden und dort auch eigentlich beheimatet. Viele Menschen befassen sich aber seit jeher aus einem anderen Grund mit der "Kunst", nämlich um die Natur zu begreifen und ein Verständnis der Substanzen und Kräftewirksamkeiten zu erwerben bzw. zu vertiefen. Dieses Verständnis kann nicht nur in die laborantische Praxis umgesetzt, sondern zum Teil auch erst durch diese erworben, korrigiert oder bestätigt werden. Die Grundlagen dazu scheinen einfach, dem Verständnis-losen beinahe naiv, im Detail entfaltet sich jedoch ein schier unüberschaubar weites Wissensgebiet, beinahe alles umfassend und auf alles anwendbar, was das menschliche Leben betrifft. Deswegen sind seit jeher zahlreiche Künste mit der Alchymie verbunden.

Spagyrik und Alchymie sind im Großen und Ganzen zwei Worte für ein und dieselbe Sache. Der Begriff Alchymie kann aber auch in der Mitte zwischen den Begriffen Spagyrik und Hermetik assoziiert werden, wobei ersteres hauptsächlich Laborpraxis und Heilmittel-präparation bezeichnet, während mit Hermetik das Naturverständnis und die Kosmologie der alten Traditionen gemeint ist, welche dann wiederum die Basis der Spagyrik bilden.

Spagyrik und Alchymie fundieren, anders als die meisten neuzeitlichen, stoff-orientierten Erklärungsmodelle, auf urzeitlich-zeitlosem Wissen, welches sich jahrtausendelang besonders in der Heilkunst bewähren konnte. Hier verbindet sich das "Schauen im Lichte der Natur" mit dem hermetischen Verständnis des Gewebes Mensch, Natur und Kosmos.

"Spagyrik" beginnt, wenn man die Natur auf solche Weise wahrnehmen möchte, wie sie in ihrem eigenen Lichte steht und die Geringheit des eigenen "Wissens" bewußt wird. Das Anschauen einer Landschaft, eines Berges, eines Baches, einer Pflanze, eines Menschen erweckt eine gewisse Sehnsucht danach, die göttliche Idee darin zu begreifen. Es wird fühlbar, daß ein Gewebe unsichtbarer Kräfte zur stoffliche Ausformung der Idee führt und dieses Wirken von Idee und Kraft den überwiegend wesentlichen Anteil an diesem Schauspiel innehat, während Substanz und Material den geringsten Beitrag zur Manifestation leisten. Daraus leiten sich in der Folge die drei Prinzipien ab: Das Sulfurische, welches die Idee als erstes in sich trägt, das Merkuriale, worin das Kräfteweben geschieht und das Salinische, welches den Wert der Idee für die Erde enthüllt und bestätigt.
Spagyrik beginnt also dort, wo das gewohnte, rein stofforientierte Denken von der Erkenntnis abgelöst wird, daß in der Natur die "Kraft" eine dem Stoff übergeordnete Instanz darstellt, und diese Erkenntnis bewegt dazu, ein gewisses Verständnis des Kräftewebens und -wesens in der Natur zu suchen.

Spagyrik beginnt, wenn man darangeht, die aus der Naturbeobachtung gewonnenen Erkenntnisse zu ihrer Vertiefung, Bestätigung oder Korrektion in laborantische Praxis umzusetzen. Soweit ist Spagyrik noch eine Art Naturkunde. Das Feld der Heilkunst wird dann betreten, wenn das gewonnene Naturverständnis sowohl zur ganzheitlichen Befundung von Mensch und Umwelt, sowie zur Erstellung von Therapiekonzepten, welche die, aus der Laborpraxis erlangten Produkte miteinschließen, taugt. Damit nähert sich der Spagyriker dem Ideal des Iatros, des Iatrochymikers, also jenem Urbild des Heilkundigen, wie es in der Natur seit Menschenbestehen existiert.

Spagyrik ist auch, wenn man nach dem Studium alchymistischer Literatur hinausgeht, ein Kraut erntet und dann beginnt davon durch Destillation das Sulfur-Prinzip in Form eines ätherischen Öls zu scheiden, danach die Pflanzensuppe zur Gärung stellt, um das Merkur-Prinzip darzustellen, rectificiert, separiert, calciniert, kohobiert, coaguliert oder sonstige Handgriffe übt, durch die die Ausdrucksformen der bildenden Kräfte wesentlich aus ihrer stoffgebundenen Vermischung gelöst und für sich alleine betrachtet, begriffen und bearbeitet werden können, unabhängig davon, ob der Zweck dieses Tuns ein natur- oder ein heilkundlicher ist oder es einfach aus Freude an der Sache geschieht.

Es ist auch Spagyrik, wenn man den Pflanzenrückstand im tönernen Tiegel verascht und sich dabei Gedanken macht über die Signaturen der Asche und das Wesen des Erdelements.

Spagyrik beginnt dort, wo der ausgepreßte Pflanzenrückstand eines alkoholischen Mazerates nicht bedenkenlos fortgeworfen, sondern darin eine Ausdrucksform des Erdelements erkannt wird, man ihn also verascht und aus der Asche das Sal-Prinzip in Form des Erd-Salzes darstellt. Das gereinigte und von den Schlacken geschiedene Erd-Salz wird mit dem alkoholischen Auszug (einer Ausdrucksform des Merkur-Prinzips) zur spagyrischen Tinktur vereint, welche sich eben durch das darin enthaltene Erd-Salz von einer "gemeinen" Tinktur unterscheidet. So setzt man sein Verständnis der Ganzheitlichkeit zusammen mit seiner Achtung der Erde gegenüber in die laborantische Praxis um und lernt während der Prozesse die tiefe Stimmigkeit des hermetischen Weltbildes kennen.

Spagyrik ist, wenn man beachtet, daß sich im alkoholischen Ansatz die öligen, aromatischen Anteile der Pflanze mit dem Alkohol derart verbinden, daß diese beiden "Prinzipien", nämlich Sulfur und Merkur, Sonne und Mond, Seele und Geist, Individualität und Naturgeist, Anima und Spiritus, danach kaum mehr zu trennen sind. Deshalb sucht man Wege, um rechtzeitig das eine vom anderen zu scheiden, was allegorisch dem "Mensch erkenne dich selbst" entspricht. Erst nach ihrer Scheidung und Reinigung werden die Prinzipien dann wieder essentiell miteinander verbunden, wodurch die Pflanze eine Art Wiedergeburt erfährt und ihrer ursprünglichen Idee näher kommt. Allegorisch gesehen werden dabei Sonne und Mond durch die Kunst des Menschen vereint und diese Vereinigung in der Erde manifestiert.

Spagyrik ist, wenn eine Rezeptur ihrem Aufbau nach der Kräftekonstellation der Problemstellung entspricht und durch Einbringung aller drei Prinzipien im rechten Verhältnis nicht einseitig wirken kann. Soweit der salinische Anteil metallischer oder mineralischer Art ist, werden diese Dinge zuvor kunstgerecht aufgeschlossen, damit sie dem Körper ihr volles Heilpotential auf physischer, energetischer und geistiger Ebene mitteilen können.

Manche meinen, daß das, was Alchymie genannt wird, weit über jenes hinausgeht, was man unter Spagyrik versteht. Diese Ansicht ist nicht unbegründet und mag verschiedentlich auch richtig sein. Andererseits haben wir für alle Dinge mehrere Worte, so wie es viele Sprachen gibt. Auch im Ayurveda gibt es Alchymie, die dort aber nun weder so noch "Spagyrik" genannt wird, sondern zumeist Rasa Vijnan, was soviel wie "Die Wissenschaft von Merkur" bedeutet. Sollte das bei uns gebräuchliche Wort Alchymie tatsächlich vom chinesischen Jin Yi stammen (aus dem die Araber Al-Kimiva machten), welches eben diese Kunst und zugleich das Aurum potabile, das Meisterwerk der Kunst bezeichnet, und das hier gebräuchliche Wort Spagyrik aus dem Griechischen, dann haben wir es ganz einfach mit verschiedenen Worten für dieselbe Sache zu tun, und der macht es nichts aus, ob wir sie indisch, chinesisch, arabisch oder griechisch ansprechen.

Grundsätzlich wollen wir uns also an Paracelsus halten, welcher sagt, es sei die „Kunst Alchymia, die sonst Spagyria genannt wird“ und damit dasselbe meint. Trotzdem hat sich da irgendwo in den heutigen Gebrauch der beiden Wörter der Geschmack eines Unterschiedes eingenistet, den man vielleicht nur bedingt ignorieren sollte. Gewisse grobe Trennungen werden jedoch zu Unrecht unterstellt, so etwa, daß sich die Spagyrik ausschließlich mit dem Pflanzenreich und die Alchymie mit Mineralen und Metallen befaßt. Es gibt – will man hier im Grad unterscheiden – wahrhaft alchymistische Pflanzenpräparate genauso, wie sehr einfache, ja bloß gerade noch spagyrisch betitelbare mineralische Mittel. Die, in der Neo-Esoterik beliebte Trennung, daß "Alchymie" ausschließlich gewisse "innere" Prozesse bezeichne, während "Spagyrik" ein ganz bestimmter Zweig der Naturheilkunde, womöglich gar der Homöopathie sein soll, trifft ebenfalls an der Sache vorbei. Vielleicht fände man jenen Unterschied (sofern wir uns überhaupt auf einen solchen einlassen wollen) am ehesten darin, daß man die typisch quintessentiellen Themen dem Gefühl nach kaum mit Spagyrik ansprechen würde. Danach wäre es dann eigentlich Alchymie, wenn man das frisch gesammelte Kraut weder destilliert noch in Alkohol ansetzt, sondern in einem dicht verschlossenen Topf in der Erde zur Putrefaction vergräbt – begreifend, daß jedes natürliche Ding das Mittel zu seiner eigenen Auflösung in sich trägt. Oder: wenn man nicht aufhört, sobald die Flüssigkeiten, Geister und Phlegmas überdestilliert sind, sondern legem artis weiterheizt, bis daß mit dem Rauch die eingewurzelten Kräfte erschlossen werden können und man selbst die Salis nicht in ihrer physischen Ruhe läßt, sondern weiterkocht, bis auch sie ihre innersten Geister freigeben. Alexander von Bernus vergleicht das Wort Alchymie mit Hal-Chymia und übersetz: Salz-Kochung.
Da dies alles aber nur Separationen sind, Auflösungen, Öffnungen, Abscheidungen, also Aspekte des spao, wäre die Kunst nicht vollkommen, wenn es keine Wiedervereinigung gäbe. Und mit dieser ist dann der Sinn erfüllt, den das Wort Spagyrik beschreibt: Lösen und wieder Vereinigen. Erst so erlangt man die "kunstvolle" Arznei und nicht ein Teilprodukt. Nun sagt Paracelsus: „Das höchste aber ist die Arznei“. Sie ist auch der höchste Sinn dieser ganzen Arbeit. Demzufolge stünde also der Begriff "Spagyrik" über "Alchymie", und wir sind veranlaßt diese müßigen Trennungs- und Unterscheidungsversuche bleiben zu lassen, bevor wir zu der Ansicht gelangen müßten, daß Alchymie ganz einfach deshalb für "höher" als Spagyrik gehalten werden sollte, weil das Wort selbst klangvoller ist und sofort einen geheimnisvollen, mystischen Schleier über eine Sache wirft, welcher diese Angelegenheit nur noch unverständlicher macht, wo doch diese Sache nichts anderes ist, als klare, einfache und sehr praktische Spagyrik. Es ist die Natur an sich so geheimnisvoll, daß sie nicht noch von weiteren Schleiern verhängt werden muß.

Ließe man also die "Alchymie" etwa dort beginnen, wo man über die Elemente Feuer und Erde nachdenkt und zu dem Schluß kommt, daß das Erd-Salz noch weiter zu erschließen wäre, indem man es mit einem Harz oder einem ätherischen Öl imbibiert und danach zum Sal volatile (Bild unten) kohobiert, dann hat man den Weg betreten, welcher durch den hermetischen Satz: "Das Fixe flüchtig machen" bezeichnet ist. Das erfordert bisweilen viel Geschicklichkeit, Geduld und Kunstverständnis. Auch wenn dadurch bereits eine Quintessenz, ein Elixir oder ein hohes Menstruum erreicht wird, so ist ein solches Kunstwerk erst dann vollendet – also fertig ausgearbeitet – wenn man vermag, dieses Flüchtige wieder zu fixieren – im hermetischen Sinne zu einem "Stein". Diese Fixierung erfordert Wiedervereinigung, Coagulation, und ein solches Produkt dürfte dann den Titel "spagyrisch" tragen. Solche Überlegungen lassen uns von einer Wertung der Worte Spagyrik und Alchymie Abstand nehmen und führen zu der Einsicht, daß es wohl am besten ist, sie gleichbedeutend aufzufassen – soweit wir es vermögen. Sie können aber auch dazu beitragen, die Bezeichnung "Spagyrik" gegenüber "Alchymie" aufzuwerten.

„Die rechte, edle Alchymia ist eine Kunst, die natürlichen Körper in diejenigen Teile, aus welchen sie natürlicherweise zusammengesetzt sind, zu solvieren, zu resolvieren und die resolvierten rein und stark zu machen, daß sie dem Medico nützliche Remedia gebe, oder zu den Perfectionibus und Transmutationibus der Metallen dienen. Wer da sagt, die Alchymie sei eine Kunst, das Reine vom Unreinen zu scheiden, der redet gar zu oberflächlich. Denn wenn einer die Wurzeln von der Erde reinigt, sie wäscht und den ausgepreßten Saft im Sieden abschäumt, der ist deswegen nicht gleich ein Alchymist. Obwohl ein Alchymist solche Arbeiten auch nicht ausläßt, endet doch sein Fleiß nicht in denselben gemeinen Operationibus. Er arbeitet weiter und scheidet nicht nur die äußerlichen Unreinigkeiten ab, sondern dringt auch zu den innerlichen vor und dissolviert die natürlichen zusammengesetzten Körper in diejenigen, daraus sie gemacht sind, scheidet ihre Teile, sondert das Nützliche vom Unnützen ab und macht alles ganz und gar kräftig. Dann komponiert er dieselben wenn es nötig ist.
Deshalb scheint es, als hätte die Alchymie weder mit den alten noch mit den neuen dogmatischen Präparationen eine Gemeinschaft. (...)“

(nach: Michael Crügner, >Chymischer Frühling<, 17. Jhdt.)

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