Textauszüge zur spagyrischen Praxis

Die spagyrische Tinktur

(...) Nach erfolgreicher Gärung wird auf dem Weg zur spagyrischen Tinktur bei gelinder Wärme destilliert, solange im Helm bzw. in der Vorlage die typischen "Tränen" eine Geistigkeit des Destillates anzeigen (nach der alchymistischen Terminologie der Alten erscheinen nun "die undeterminierten Tränen der Diana"). Wenn danach das wäßrig-phlegmatische Kondensat erscheint, kann man die Temperatur ein wenig erhöhen und noch einige Zeit mit der Destillation fortfahren – ist doch Merkur einigermaßen tief in die Pflanzensubstanz eingewoben. Das Phlegma, welches jetzt mit den restlichen merkurialen Anteilen überwiegend erscheint wird dann ohnehin bei den folgenden Rectificationen geschieden, und außerdem ist nicht alles, was nicht typisch alkoholisch ist, bloß "phlegmatisch" und leer von Geist.
Bei gut geführten, langsamen Gärungen und ebensolchen darauffolgenden Destillationen wird das Destillat sehr wohlschmeckend (bzw. von pflanzen-typischen Geschmack), fein und weitestgehend frei von schädlichen Inhalten sein. Davon hängt dann die Notwendigkeit zur Abscheidung des "Vorlaufs", bzw. seine Menge ab. "Wahre Künstler" erhalten keinen oder keinen nennenswerten, methylhaltigen Vorlauf. Bei zu schnellen, forcierten Gärungen und darauffolgenden Destillationen schmeckt das gesamte Destillat oft unangenehm bis jauchig – und ist deshalb in spagyrischem Sinne verwerflich.
Der naturheilkundliche Therapeut kann am Geschmack spagyrischer Pflanzen-mittel, die er einsetzen möchte, viel über ihre Qualität erkennen. Schwieriger ist das bei solchen Produkten, bei denen der typische Geschmack einer Tinktur oder Essenz mittels zugesetzter aromatischen Substanzen verändert wurde. Keine Verfälschung liegt vor, wenn aromatische Substanzen (wie zB. ätherisches Zimt- oder Rosenöl) innerhalb von Rezepturen verwendet werden. Dies findet man so auch oft in den Rezepturen der alten Spagyriker und Iatrochymiker – mit dem Sinn, entweder weitere Wirkkomponenten einzubringen oder unangenehme Geschmäk-ker zu korrigieren, auszugleichen und abzurunden. Dies ist in allen Traditionen üblich. Fraglich ist das "Abschmecken" ganzer Produktserien, gleichsam mit Himbeer- oder Zitronengeschmack, um das Mittel für den verwöhnten Gaumen konsumierbarer zu machen. Enzian- oder Löwenzahnwurzel schmecken nun mal bitter – Wermut und Tausendgüldenkraut noch viel mehr. Wenn diese aber ordentlich ausgearbeitet sind, dann ist jene Bitterkeit rundum in den pflanzentypischen, aromatischen Geschmack eingebettet und jedem in der rechten Dosierung gut zuträglich. In Natur und Leben hat alles seinen besonderen Geschmack, und eine, zB. durch lebensfremde Ernährung erworbene Geschmacksirritation entspricht eher einem Krankheitsbild, als daß sie ein Richtwert für den Charakter spagyrischer Heilmittel sein sollte.

Nach der ersten Destillation des Vergorenen folgen dann in der Regel eine oder mehrere Rectificationen zur weiteren Reinigung und Verfeinerung des Destillats und damit des auf diese Weise dargestellten Merkur-Prinzips.

Wurde die Pflanze auf dem Weg zur spagyrischen Tinktur nicht vergoren, sondern in zugesetztem Alkohol mazeriert, dann braucht jetzt nur mehr filtriert zu werden. Damit ist die einfachste Variante der "Arbeit am Merkur" vollbracht. Das Filtrat ist in den meisten Fällen klar und gefärbt (tingiert). Wenn nötig, läßt man einige Tage lang setzen und filtriert dann nochmals. Das im Filter Verbleibende kommt zum übrigen Pflanzenrückstand. Daraus wird später das Salz gezogen.
Der Nachteil dabei ist, daß hier das Merkur-Prinzip nicht wirklich "rein" erhalten wird, weil es eben gefärbt ist. "Farbe" bedeutet immer auch die Anwesenheit eines Sulfurs. Je reiner, typischer und subtiler aber die Ausdrucksformen der Prinzipien dargestellt werden können, umso tiefgreifender und durchdringender wird auch das Wirkvermögen des fertigen Präparates sein. Andererseits kann aber auch die Anwesenheit von Farbe selbst einen guten Wirk- effekt haben. Manche empfinden zum Beispiel eine spagyrische Tinktur oder Essenz aus dem Johanniskraut erst richtig "erhellend", wenn sie rot ist, und es geht ihnen diese Empfindung ab, wenn sie klar und farblos ist. Aus welchen Gründen auch immer: Der Farb-Effekt kann entweder durch einfaches Filtrieren des Mazerats erhalten oder durch späteres "Tingieren" des farblosen Destillates oder des fertigen Präparates mit derselben Pflanze (frisch oder getrocknet) erlangt werden. Im ersten Fall haben wir eben das Merkur-Prinzip nicht gereinigt dargestellt, im zweiten Fall setzen wir ganz im Sinne einer spagyrischen Coagulation eine sulfurische Komponente hinzu.

Das Reinigen des durch Mazeration erhaltenen Merkurs geschieht wieder durch Destillation. Nur selten wird dann noch eine Rectification nötig sein, außer man ist aus bestimmten Gründen bestrebt den Pflanzenmerkur besonders "rein" zu erhalten (etwa wenn man zur Herstellung eines Pflanzensteines oder Clissus hochpro-zentigen Alkohol benötigt oder damit auf Kohobationen zur Erhöhung des Salzes abzielt).

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